SEITE AN SEITE

Mit dem Projekt SEITE AN SEITE setzt Valérie Wagner zusammen mit Hamburgerinnen und Hamburgern ein sichtbares Zeichen gegen Antisemitismus und für Solidarität mit jüdischen Menschen in Hamburg.

Seit Ende 2023 hat sich Valérie Wagner mit der Frage beschäftigt, was sie mit ihren Mitteln als Künstlerin und Fotografin gegen den grassierenden Hass gegen Juden in Deutschland tun kann.
Als Deutsche nimmt sie eine besondere Verantwortung dafür wahr, dass das „Nie wieder“ nicht nur ein frommer Wunsch bleibt, sondern eine konkrete Form annimmt. Sie ist nicht bereit, tatenlos zuzusehen, wie jüdische Menschen in Deutschland wieder ausgegrenzt und angegriffen werden.

Valérie Wagner stellt sich mit diesem Projekt nicht an die Seite der aktuellen Regierung in Israel. Es geht ihr vielmehr darum, jüdisches Leben als Teil der Stadtgesellschaft sichtbar zu machen und Menschen zu ermutigen, gegen Antisemitismus aufzustehen.
Es ist ihr Beitrag zu einer Vision, die sie mit Vielen teilt:

Nie wieder sollen Menschen aus Deutschland vor Verfolgung und Ermordung fliehen müssen.

SEITE AN SEITE für Vielfalt und Zusammenhalt

Die Teilnahme am Projekt war geprägt durch wunderbare Vielfalt und Unterschiedlichkeit – aber alle waren vereint in dem Ansinnen der Solidarität im Zeichen des Sterns. Mich hat es sehr beeindruckt, auf welch ausdauernde und selbstverständliche Weise alle miteinander verwoben und aktiv waren, selbst wenn wir völlig durchnässt vor dem Rathaus standen. Da war kein Aufmucken, keine Ungeduld – einfach nur ganz viel Verständnis und Gemeinsamkeit.
Ich bin froh, Teil dieses Projektes zu sein und ein ausdrückliches Zeichen setzen zu dürfen. Mir ist nochmal bewusst geworden, dass unsere Gesellschaft durch das jüdische Denken und Leben eine große Bereicherung erfahren kann.

ASTRID SIEVERS

Vorarbeit

Am Anfang hat Valérie Wagner zunächst Ideen gesammelt, Skizzen gemacht und verschiedene fotografische Ansätze entwickelt. Immer ging es ihr darum, Menschen zusammenzubringen und zu aktivieren, sich im öffentlichen Raum solidarisch mit Jüdinnen und Juden zu zeigen.
Es war der Künstlerin wichtig, die Jüdische Gemeinde Hamburg und die Stiftung Bornplatzsynagoge einzubeziehen und ihre Meinung zu hören. In den Gesprächen kristallisierte sich bald heraus, dass der Davidstern am besten für die Umsetzung geeignet ist. Er ist ein Symbol, mit dem sich alle Jüdinnen und Juden mehr oder weniger identifizieren können. Und er ist ein Symbol, das in unserer Gesellschaft unmittelbar verstanden wird und eine klare Wirkung entfaltet.
So ist die Idee entstanden, Menschen für die Aufstellung von Davidsternen zusammenzubringen und diese Sterne aus der Vogelperspektive als Teil ihrer Umgebung zu fotografieren.

Für die anspruchsvollen Drohnenaufnahmen konnte Valérie Wagner den Fotografen und Drohnenpiloten Ulrich Mertens gewinnen. Die Zusammenarbeit war eine große Bereicherung für das Gesamtprojekt.

SEITE AN SEITE die Stellung halten

Manchmal ist es Zeit, sich zu erheben! Aufzustehen gegen Unrecht. Anzugehen gegen die Kälte, die sich in die Ritzen unseres menschlichen Miteinanders geschlichen hat.

Manchmal ist es nicht nur Zeit, Stellung zu beziehen, sondern auch, die Stellung zu halten. Seite an Seite zu stehen: miteinander, wider das Gegeneinander! In die aufkommende Dunkelheit ein leuchtendes Zeichen der Hoffnung zu setzen, wie diesen Stern.

ANNE KROLL

Projektumsetzung

Zwischen April 2025 und Januar 2026 haben Hamburgerinnen und Hamburger unterschiedlicher Herkunft – mit und ohne religiöse Zugehörigkeit – ihre Verbundenheit mit jüdischen Menschen sichtbar gemacht.
An sechs bekannten Orten der Stadt bildeten sie Davidsterne, indem sie sich die Hände reichten. Diese Davidsterne, an denen zwischen 24 und 350 Menschen beteiligt waren, haben Ulrich Mertens und Valérie Wagner mit einer Drohne fotografiert.
Sie führten zunächst Probeflüge durch, um Bildausschnitt und Flughöhe festzulegen. Daraus ergaben sich Ort, Größe und Aufbau der Sterne sowie die benötigte Teilnehmeranzahl, außerdem die Farbe der Kleidung, die Valérie Wagner auf den Ort abgestimmt und entsprechend vorgegeben hat.

Alle Aufnahmetermine konnten wie geplant stattfinden, trotz teilweise widriger Witterungsbedingungen.

In den Wochen nach den Aktionen erreichten die Künstlerin zahlreiche Rückmeldungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sie einmal mehr in der Sinnhaftigkeit des Projekts bestätigt haben. Einige davon finden sich auf dieser Seite und im Katalog SEITE AN SEITE.

SEITE AN SEITE für jüdisches Leben

Nie werde ich die Gesichter der vom Holocaust gezeichneten alten Menschen vergessen, die ich in Nahariya /Israel im Altersheim für europäischstämmige Jüd_innen vor vielen Jahren kennengelernt und begleitet habe. Sie haben mir ihre Verfolgungs- und Konzentrationslager-Geschichten erzählt. Gegen Antisemitismus zu sein, ist für mich besonders seitdem und gerade heute wieder unbedingt erforderlich.
Die Davidstern-Aktion im Rahmen der öffentlichen Aufstellungen ist ein wichtiges sichtbares Zeichen gegen Antisemitismus, an dem ich mich gerne und überzeugt beteiligt habe. Möge dieses Zeichen nachhaltig wirken und um die ganze Welt gehen!

GABRIELE T.

Ausgewählte Orte und ihre Bedeutung

1. Rathausmarkt: Als Sitz des Hamburger Senats und der Bürgerschaft ist er das politische Zentrum der Stadt.

2. Joseph-Carlebach-Platz: Ort mit starkem Bezug zur jüdischen Geschichte in Hamburg und zur Schoa, an dem der Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge geplant ist. Ein Ort der Zerstörung, der Erinnerung und der Hoffnung.

3. St. Pauli-Bunker: Der ehemalige Flakbunker auf dem Heiligengeistfeld ist heute ein Mahnmal für die Opfer des NS-Regimes und des Zweiten Weltkrieges. Hier wird ein Beteiligungsprojekt realisiert, das Erinnerungskultur, soziale sowie ökologische Teilhabe miteinander vereint.

4. Elbstrand/Alter Schwede: Der „Alte Schwede“, Deutschlands ältester Großfindling, ist ein Hinweis auf die geologische Geschichte Hamburgs und die Auswirkungen der Eiszeiten auf die Landschaft. Er ist auch ein Symbol für die Einwanderungsgeschichte der Stadt und wird als „ältester Einwanderer“ bezeichnet.

5. HafenCity/Sandtorhafen: Die Elbe und der Hafen gehören untrennbar zu Hamburg. Am Sandtorhafen sind das neue und das alte maritime Hamburg präsent – der Traditionsschiffhafen mitten im jüngsten Hamburger Stadtteil HafenCity.

6. Galerie der Gegenwart/Kunsthalle Hamburg: Das Plateau zwischen den beiden Gebäuden symbolisiert das Zentrum der Kunst in Hamburg. Die in den roten Granit eingefasste Inschrift von Ian Hamilton Finlay „Die Heimat ist nicht das Land, sie ist die Gemeinschaft der Gefühle“ (nach dem französischen Revolutionär de Saint-Just) verweist auf die Grundlage und das Bindemittel einer modernen und vielfältigen Gesellschaft.

Ein Davidstern an diesen Orten kommuniziert: Jüdisches Leben gehört untrennbar zu Hamburg und wird von Hamburgerinnen und Hamburgern verteidigt.

SEITE AN SEITE gegen Hass und für Solidarität

So viele Menschen sind gekommen, um ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit mit jüdischem Leben in unserer Stadt zu setzen und gemeinsam diesen leuchtenden Davidstern zu formen. Das gemeinsame Frieren und das Warten haben sich gelohnt. Die Gespräche vor Ort mit den Teilnehmenden haben mich tief berührt. Ihre Motive, zu kommen, und die Selbstverständlichkeit, mit der sie dick eingepackt und mit einer Thermoskanne bewaffnet Anteil genommen haben.
Und genau dieses Wort beschreibt es so treffend: Die Menschen haben einen Teil der Lebenswirklichkeit von Jüdinnen und Juden im heutigen Deutschland an sich herangelassen – und sich solidarisiert. Das entstandene Bild ist deshalb weit mehr als eine künstlerische oder ästhetische Aussage. Es ist ein zivilgesellschaftliches Statement. Eine sichtbare Wirklichkeit.
Hamburg hat gezeigt, was Zusammenhalt bedeutet.

ANNIKA MENDRALA

Der öffentliche Raum als Ort der Begegnung

Die Motive kehren nun – im Sommer 2026 – dorthin zurück, wo sie entstanden sind und wo jüdisches Leben mit diesem Projekt sichtbar gemacht werden soll: in den öffentlichen Raum.
Ob als Plakate an Litfaßsäulen, auf Werbeflächen in der U-Bahn-Station oder an Gebäudefassaden:

Die Aufnahmen zeigen jüdisches Leben als festen Bestandteil der Stadtgesellschaft und setzen ein mutiges Zeichen des Zusammenhalts und der gesellschaftlichen Verantwortung mitten in unserer Stadt.

Dank

Ich danke allen Beteiligten und Mitwirkenden, insbesondere
Nicole Mattern (Kulturmanagement)
Annika Mendrala (Kooperation Stiftung Bornplatzsynagoge)
Ulrich Mertens (Drohnenfotografie)
Susanne Schreck (Lektorat)
und allen Spender*innen
für ihre großartige Unterstützung des Projekts.

Mein besonderer Dank gilt der Jüdischen Gemeinde Hamburg,
der Stiftung Bornplatzsynagoge und Stefan Hensel, dem Antisemitismusbeauftragten
der Stadt Hamburg bis 2025, die dieses Projekt von Beginn an unterstützt und
befürwortet haben. Ihr Vertrauen und ihre Begleitung waren eine wichtige Grundlage
für die Umsetzung.